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Erfahrungsbericht von Jan

Ich heiße Jan, ich bin 35 Jahre alt, verheiratet, habe einen Sohn und arbeite als Programmierer.
Ich hatte eigentlich immer Vorbehalte gegen Asylbewerber. Erhöhter Anteil an Troublemakern, tricksen viel, frustriert wegen enttäuschter Erwartungen an Deutschland, unordentlich usw.
Ende August, Anfang September 2015 war es dann aber soweit, dass ich die besorgten Bürger eindeutig schlimmer fand und selbst praktisch in der Flüchtlingshilfe aktiv werden wollte.
Meine Frau und ich einigten uns, dass ich erstmal bis Weihnachten an einem oder zwei Abenden die Woche in der EAE Nöthnitzer Straße mithelfen würde. Ich war zunächst bei der Essenausgabe dabei, bin dann aber aus verschiedenen Gründen (z.B. familienfreundlichere Zeiten) irgendwann in Richtung ABC-Tische in den EAEs Nöthnitzer Straße und Teplitzer Straße umgeschwenkt.
Meine oben genannten Vorbehalte haben sich schnell als sehr übertrieben herausgestellt. Die Stimmung uns freiwilligen Helfern gegenüber war fast immer freundlich bis sehr freundlich. Die Bewohner der EAEs, und insbesondere die Teilnehmer an den ABC-Tischen, waren größtenteils sehr normale Leute. Ich fand auch Sauberkeit und Ordnung (bis auf die sanitären Anlagen) den Umständen angemessen.
Ab Ende 2015 nahm die Zahl der Bewohner in den beiden genannten EAEs immer weiter ab, und im März/April wurden sie geschlossen. Ich bin mit einigen ehemaligen Bewohnern auf Facebook befreundet, und halte sehr regelmäßigen Kontakt mit einem Ehepaar und einem Vater-Sohn-Paar, beide aus Afghanistan.
Wir haben vor allem mit Blättern aus dem Deutschheft der Flüchtlingshilfe München gearbeitet, später dann auch mit Kopien aus "Erste Hilfe Deutsch" vom Hueber-Verlag. Die Hefte von der Flüchtlingshilfe haben den Vorteil, dass sie auch mehrsprachig erhältlich sind, wovon wir allerdings kaum Gebrauch gemacht haben. Sie eignen sich auch besser als Kopiervorlagen. Dafür ist der Themenumfang bei "Erste Hilfe Deutsch" etwas größer. Die Kopien haben wir den Teilnehmern ausgeteilt, in der Nöthnitzer Straße wurden auch Vokabelheftchen und manchmal sogar Stifte zur Verfügung gestellt, abhängig von Materiallage und Interpretation der Arbeitsanweisungen durch die Freiwilligen.
Typische Vorgehensweisen waren z.B. erstmal zeigen "Hose", "Socke" usw, dann die Teilnehmer abfragen "Wo ist die Socke" oder, auf die Hose zeigend, "Was ist das?", und dann zwei-drei mal wiederholen. Später konnte man manche Teilnehmer auch schonmal ausfragen, was sie an dem Tag alles gemacht haben - geschlafen, aufgestanden, gegessen, Zähne geputzt, zum Bahnhof gelaufen, Wäsche gewaschen usw. Dabei immer wieder Fehler korrigieren, notfalls auch mehrfach (z.B. korrekte Aussprache von "sechzich"). Ein bisschen so, wie ich mit meinem Kleinen Wortschatz geübt habe, als er zwei war. Zum Üben von Zahlen ging Durchzählen oder "Wie alt bist Du" immer ganz gut. Teilweise hatten wir auch richtige Arbeitsblätter, die wir einfach nach Schema F durcharbeiten konnten.
Ein paar Sachen lernt man dann durch Trial-and-Error. Zum Beispiel dass weniger Stoff an einem Abend manchmal mehr ist, dass Lernende wirklich in sieben Tagen wesentlich mehr wieder vergessen als in dreien, dass man wiederholen, wiederholen und nochmals wiederholen muss. Und dann nochmal wiederholen. Ein Punkt, den ich lieber nicht durch Trial-and-Error gelernt hätte, ist dass man beim Thema Familie etwas vorsichtig sein sollte, um keine eventuell vorhandenen Wunden aufzureißen.
Problematisch fand ich oft den unterschiedlichen Wissensstand der Teilnehmer, und dass es schwer war, allen gleichermaßen gerecht zu werden. Mir ist es auch gelegentlich passiert, dass sich jemand als ungerecht behandelt oder für zu doof gehalten gefühlt hat. Ersteres kann man halt nicht immer verhindern, letzteres finde ich aber immer noch ärgerlich, weil dadurch Selbstvertrauen und Motivation gerade bei denen leiden, die am meisten lernen müssen. Speziell in der Nöthnitzer Straße fand ich es suboptimal, dass die Tische oft in sehr unruhiger Umgebung stattfanden.
Ein weiteres Thema, das ich so nicht erwartet hätte, war die merkliche Zahl von Analphabeten. Wer in seiner Muttersprache lesen und schreiben kann, der kann meistens sehr schnell auch mit lateinischen Buchstaben umgehen. Für Analphabeten ist das sehr viel schwerer. Diese Leute sind deswegen aber nicht doof! In Afghanistan liegt die Alphabetisierungsrate bei ca. 40%, das heißt hier merkt man die Folgen von 37 Jahren Bürgerkrieg, Talibanherrschaft, und weitverbreiteter Armut. Bei den afghanischen Teilnehmern an den ABC-Tischen lag die Alphabetisierungsrate gefühlt deutlich höher, aber immer noch weit unter 100%. Auch bei kurdischen Frauen scheint es (regional?) größere Lücken bei der Alphabetisierung zu geben.
Da in Deutschkursen, im Umgang mit Behörden und im Arbeitsleben Lesen und Schreiben vorausgesetzt werden, führt an der Alphabetisierung aber kein Weg vorbei. Ich fand das Buch "Schritte plus alpha" dafür ziemlich gut. Es bietet eine sinnvolle Reihenfolge der zu lernenden Buchstaben (statt A-Z erstmal O,M,A usw), viele Silbenlese- und Schreibübungen. Mit sehr kleinen Gruppen oder Einzelunterricht, sehr viel Geduld und sehr hoher Lernfrequenz (3x pro Woche ist hier viel besser als 2x pro Woche) kann man hier durchaus etwas erreichen. Außerdem sollte man daran denken, wie einem selbst lesen beigebracht wurde: mit Lauten statt Buchstabennamen, also "mmm" statt "em", "ei" statt "ee-ii". Deutsche Kinder haben in der Schule ein ganzes Jahr Zeit, um in ihrer Muttersprache(!) lesen und schreiben zu lernen - schnelle Erfolge darf man also nicht erwarten.
Aus meiner Sicht haben sich die Deutschkurse und ABC-Tische in den EAEs Nöthnitzer Straße und Teplitzer Straße bewährt. Natürlich können sie keinen regulären Kurs ersetzen. Aber zumindest bei den Afghanen, die ich kennengelernt habe, ist der Unterschied zwischen Teilnehmern und Nichtteilnehmern ziemlich deutlich. Das heißt mit ehemaligen Teilnehmern ist wenigstens eine einfache Kommunikation möglich und, fast noch wichtiger, das fürs Lernen nötige Selbstbewusstsein ist ganz anders.
Für diejenigen Asylbewerber, die in Deutschland bleiben werden, sind Deutschkenntnisse fast so wichtig wie das tägliche Brot. Sie sind die Voraussetzung für einen sinnvollen Umgang mit Behörden, für eine eventuelle Ausbildung oder für die Arbeitsaufnahme. Nicht zuletzt ist es wesentlich besser fürs Selbstbewusstsein, wenn man im Alltag ohne Hilfe durch Dritte erfolgreich kommunizieren kann. Die Teilnehmer an den ABC-Tischen sehen das ganz genauso. Insofern ist es schade, dass diese (noch?) hohe Motivation derzeit nur teilweise genutzt wird und einem signifikanten Teil der Asylbewerber bestenfalls ehrenamtliche Kurse (mit wenigen Wochenstunden, mit engagierten, aber nicht ausgebildeten Lehrern, oft ohne roten Faden) zugänglich sind.
Mir persönlich haben die ABC-Tische jede Menge Spaß gemacht, und ich habe selbst auch viel dazugelernt. Auf der anderen Seite habe ich eine Menge Zeit investiert, und da bleiben Ermüdungserscheinungen nicht aus. Zum Glück sind von Zeit zu Zeit echte Erfolge greifbar. Ansonsten kann man sich ja in Dresden-Hauptbahnhof immer noch jeden Montagabend eine Dosis Motivation abholen. Es bleibt viel zu tun, packen wir es an!
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Zu guter Letzt möchte ich mich noch bedanken: bei den Verantwortlichen der IDA für die Organisation der ABC-Tische, beim DRK für die Möglichkeit, in den EAEs tätig zu sein, bei den Teilnehmern, die immer viel Geduld mit mir hatten. Und vor allem bei meiner Frau für die unermüdiche Unterstützung, die meine Teilnahme an den ABC-Tischen erst möglich gemacht hat.